Wandern oder Spazierengehen

Wandern oder Spazierengehen?

Was unterscheidet das Wandern vom Spazierengehen? Über diese Frage kann man sicherlich trefflich diskutieren. Gibt es klare Merkmale, beide Bewegungsformen eindeutig zu unterscheiden, oder vermischen sich die Merkmale, so dass jeder für sich selber entscheiden kann, ob er jetzt gerade eine Wanderung oder einen Spaziergang durchführt? Googelt man die beiden Begriffe, so springen einem sofort die entsprechenden Wikipedia-Einträge ins Auge.

Dort steht zum Begriff „Wandern“ folgendes geschrieben:

„Wandern ist eine Form weiten Gehens von mehreren Stunden.“ (Quelle: Wikipedia)

 

Während man zum Begriff „Spaziergang“ bei Wikipedia folgendes lesen kann:

„Ein Spaziergang ist das Gehen zum Zeitvertreib und zur Erbauung.“ (Quelle: Wikipedia)

Die beiden Beschreibungen treffen sicherlich zu. Aber ist es damit schon getan? Ich denke nicht. Was genau ist mit „mehreren Stunden“ gemeint. 2 Stunden? 3 Stunden? Oder sogar 8 Stunden? Und was bedeutet „Erbauung“? Ich definiere diesen Begriff für mich mit Bewegung, Raus aus dem Stress, Abwechslung, Entspannung. Aber trifft das nicht auch beim Wandern zu? So richtig 100%ig ist das wohl alles doch noch nicht. Dann stellt sich ja auch noch die Frage nach der Geschwindigkeit. Bis zu welcher Laufgeschwindigkeit geht man spazieren und ab wann wandert man? Sportmediziner sprechen z.B. erst dann vom Wandern, wenn eine Laufgeschwindigkeit von mindestens 5-6 km/h erreicht werden. Habe ich mal gelesen. Ok, dass ist auch meine durchschnittliche Laufgeschwindigkeit, es sei denn, ich bin in den Bergen unterwegs und versuche einen Berg hochzulaufen. In diesem Tempo von 5-6 km/h gehe ich aber auch über kürzere Strecken spazieren. Da muss es also noch andere Merkmale geben, die das Wandern vom Spazierengehen unterscheidet. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hat 2010 einen Forschungsbericht erstellt, der den Begriff Wandern beschreiben soll. Dort steht geschrieben:

„Das Wandern ist Gehen in der Landschaft. Dabei handelt es sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert.“
(Quelle: Forschungsbericht Nr. 591, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie)

 Ok, dass kann man über das Spazierengehen auch sagen. Es gibt viele Leute, denen reicht eine halbe Stunde an der frischen Luft, damit es ihnen gut geht. So richtig aussagekräftig ist das aus meiner Sicht auch noch nicht. Dann listet der Bericht aber noch folgende Punkte auf, die für eine Wanderung charakteristisch sind:

„Eine Dauer von mehr als einer Stunde“                                                                                                                                                      (Quelle: Forschungsbericht Nr. 591, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie)

Hier wird der geneigte Spaziergänger oder Hundebesitzer sagen „Moment mal, ich bin grundsätzlich über eine Stunde unterwegs. Wandere ich dann?“ Vielleicht. Aber wie schnell läuft der Spaziergänger dabei? Wo wir dann wieder beim Thema Laufgeschwindigkeit wären. Ich persönlich finde eine Stunde Wandern sehr wenig. Zwei Stunden müssen das schon mindestens sein, wobei ich im Normalfall durchchnittlich vier bis fünf Stunden wandere.

„Eine entsprechende Planung“                                                                                                                                                                              (Quelle: Forschungsbericht Nr. 591, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie)

Hier gibt es meiner Meinung nach die ersten Unterschiede. Eine Wanderung wird von mir sorgfältig und individuell geplant. So lege ich schon im Voraus fest,  ob es eine Flach- oder eine Bergetappe wird, wie lange die Etappe ungefähr dauern wird, ob ich mit dem ÖPNV unterwegs bin (was sehr häufig der Fall ist), welche Marschverpflegung ich mitnehme und ob ich eine Tagestour oder doch eine mehrtägige Wandertour mache. Macht das ein Spaziergänger auch? Unter Umständen. Zumindest legt er sich auf den Ort, der meistens in der Nähe ist, und den Zeitpunkt fest und lässt sich ansonsten von seinem Gefühl treiben. So mache ich das zumindest, wenn ich spazieren gehe.

„Nutzung spezifischer Infrastruktur“
(Quelle: Forschungsbericht Nr. 591, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie)

Auch hier sehe ich einen Unterschied zwischen dem Wanderer und dem Spaziergänger. Der Wanderer läuft Wege, die würde ein Spaziergänger nicht gehen. Oder kraxelt der Spaziergänger irgendwelche Berge hoch bzw. runter oder sucht sich schmale Pfade, Abseits von den Hauptwegen. Ich glaube nicht. Es sei denn, er hat entsprechende Schuhe an. Wo wir beim letzten Punkt der Auflistung wären.

„Eine angepasste Ausrüstung“
(Quelle: Forschungsbericht Nr. 591, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie)

Ja, es gibt Leute, die sich für ihre Spaziergänge entsprechendes Schuhwerk kaufen und vielleicht doch nicht im Sonntag-Ausgehanzug durch die Gegend laufen. Das ist auch deren gutes Recht. Jeder so wie er mag. Da existiert vielleicht noch eine kleine Gemeinsamkeit mit dem Wanderer. Aber zieht der Spaziergänger Wanderschuhe an? Habe ich noch nicht gesehen. Der Wanderer benötigt entsprechende Wanderschuhe, um die Berge sicher hoch- und runterzulaufen oder sich beim Laufen über Unebenheiten nicht am Fuß zu verletzen. Des Weiteren benötigt er für seine mehrstündigen Touren nach Möglichkeit atmungsaktive Kleidung und einen Rucksack für Verpflegung und anderen wichtigen Utensilien. Also hier sehe ich einen weiteren elementaren Unterschied zwischen Spazierengehen und Wandern.

Mein Fazit: Es scheint sie also doch zu geben, die Unterschiede zwischen Wandern und Spazierengehen. Und das ist auch gut so. Ich praktiziere beides. Denn Spaziergänge nutze ich meistens nicht nur wegen der Bewegung, sondern auch, um mir über gewisse Sachen Gedanken zu machen. So reflektiere ich z.B. meinen Arbeitstag bzw. meine Arbeitswoche, gehe in Gedanken meinen nächsten Urlaub durch, plane meine nächsten Wanderungen oder überlege mir, was ich in den nächsten Tagen kochen möchte und auf meinen neuen Foodblog präsentieren möchte. Das mache ich bei einer Wanderung nicht. Da erlebe ich die Natur in all ihren Facetten und lerne Orte kennen, wo ich mich manchmal schwarzärgere, dass ich sie nicht schon früher entdeckt habe. Und das ich so ganz nebenbei mit der Fotografie noch ein weiteres Hobby von mir praktizieren kann, ist natürlich auch ein schöner Nebeneffekt vom Wandern.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen guten Lauf. Egal ob beim Spazierengehen oder beim Wandern.

 

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